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Ist der Mond auch da, wenn niemand hinschaut?
Unsere Sicht der Wirklichkeit
Von Gisbert Niederführ
Wer sich mit Mohamed Khalifa und seinem Weg der Heilung befasst, kommt an zwei Fragen nicht vorbei. Frage eins lautet: Ist der Mond auch da, wenn niemand hinschaut?
Frage zwei: Sind Physiker Spinner oder seriöse Wissenschaftler?
Frage Nummer eins scheint eine außergewöhnlich dumme zu sein. Natürlich ist er da. Wohin sollte der Mond auch gegangen sein. Natürlich kann es sein, dass er im Augenblick nicht zu sehen ist, hinter Wolken verborgen
oder durch Erdrotation gerade auf der anderen Seite der Weltkugel. Aber er ist da, das lässt sich doch leicht überprüfen. Frage zwei ist ebenfalls schnell beantwortet: Natürlich sind Physiker seriöse
Wissenschaftler und wahrscheinlich sogar diejenigen, die am exaktesten arbeiten. Diese Antworten würden wohl 95 Prozent der Bevölkerung geben, doch jeder Einzelne handelt sich damit ein Problem ein: Die
Physiker nämlich, genauer gesagt: die Quantenphysiker, beantworten die erste Frage mit Nein! Wir sind nun nicht etwa in der Psychiatrie von Friedrich Dürrenmatts Stück „Die Physiker“ gelandet, sondern in der Welt
der Atome: der Quanten, Elektronen, Protonen, Wellen und Teilchen und damit in der Welt, in der Mohamed Khalifas Weg der Heilung ihren Ausgang nimmt. Einer Welt, die unseren Alltagserfahrungen völlig
widerspricht, die unseren Realitätssinn auf eine harte Probe stellt. Aber wie steht es überhaupt um unseren Realitätssinn?
Wir glauben, was wir sehen. Dabei war unser Auge noch nie ein verlässlicher Zeuge. Polizisten können davon ein Lied singen. Drei Tatzeugen, drei unterschiedliche Aussagen. Doch kann es hier natürlich sein, dass der
Blickwinkel unterschiedlich war, der eine ein aufmerksamerer Beobachter ist als der andere und schließlich die Frage, ob die Konzentration auf den Vorgang die gleiche war. Nehmen wir deshalb eine völlig homogene
Gruppe: Studenten. Ausgeruht, mit genauen Vorgaben, keiner wird abgelenkt. Sie sollen einen einminütigen Videofilm genau verfolgen. Darin spielen sich zwei Basketballer mit weißem T-Shirt und zwei mit schwarzem
T-Shirt jeweils einen Ball zu. Hin und zurück, hin und zurück. Die Studenten sollen zählen, wie oft es das weiße Team tut. Für die Studenten ist das kein Problem. Sie zählen exakt. Als sie den Film aber noch
einmal gezeigt bekommen, ohne Aufgabe, sind sie verblüfft. Zwischen den Basketballern taucht plötzlich ein Mensch im Gorillafell auf und hüpft in der Bildmitte auf und ab. Die Studenten beschweren sich. Das sei
nicht der gleiche Film. Und doch ist er es. Zuvor, völlig auf ihre Aufgabe konzentriert, haben sie den Gorilla nicht wahrgenommen. Obwohl er überdeutlich im Bild war. Was wir also wahrnehmen, muss nicht
zwangsläufig mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Nicht Perfektion ist für die Wirklichkeitswahrnehmung ausschlaggebend, heißt es in einem Beitrag des Sonderheftes GEO Wissen (Nummer 29 vom Mai 2002; daraus stammt
auch das Beispiel der zählenden Studenten) über die Erkenntnisse der Evolutionsbiologen, sondern Handlungsfähigkeit. Die Langohr-Fledermaus muss Käfer im Dunkeln orten, aber nicht Birnen von Äpfeln unterscheiden
können. Jeder sieht also das, was für ihn am wichtigsten ist, lebenswichtig. Aber - denken wir - er sieht dennoch die Wirklichkeit, nur eben subjektive Ausschnitte einer objektiven Wirklichkeit.
Aber ist es auch so?
Es ist erstaunlich, was mit der Außenwelt auf dem Weg in den Kopf alles geschieht. „Schon die Sinnesorgane spiegeln diese Außenwelt nicht wider. Sie filtern, werten, interpretieren“, heißt es in GEO. „Und erfinden
nebenbei Wunder. Farben etwa, die es ,in Wirklichkeit‘ gar nicht gibt. Die Sonne sendet elektromagnetische Wellen verschiedener Länge aus; dass unseren Augen einige davon als Rot, Blau oder Grün erscheinen, dass
andere von der Haut als Wärme empfunden werden und dass wir den größten Teil des Spektrums mit keinem unserer Sinne spüren, liegt nicht an der Natur der Wellen, sondern an der unserer Wahrnehmungsorgane.“
Was wir also als Wirklichkeit betrachten, ist nichts anderes als eine durch unsere Entwicklung über Jahrmillionen geformte sinnvolle Interpretation dessen, was um uns herum ist. Sollte also irgendwann ein
Außerirdischer auf die Erde kommen, würde er womöglich eine grüne Wiese als Wellenmeer sehen oder sie gar nicht sehen können, weil sie nicht wichtig für ihn ist. Unser Auge hat sich im Laufe der Evolution dazu
entschlossen, Felsen und Bäume zu erkennen, weil es nun mal schmerzt, wenn man dagegen rennt. Funkwellen aber spüren wir nicht, folglich müssen wir sie auch nicht (unbedingt) sehen, um ihnen aus dem Weg gehen zu
können. Einen Außerirdischen von gänzlich anderer Biologie jedoch würden womöglich Funkwellen töten, aber er könnte durch Bäume hindurchgehen. Er stünde neben uns und sähe doch eine völlig andere Welt.
Was bedeutet das für Mohamed Khalifa?
Zunächst heißt das: Der Ägypter macht etwas möglich, das mit unserem Verständnis von Wirklichkeit und Machbarem nicht in Übereinstimmung zu bekommen ist. Unsere Sicht der Wirklichkeit aber ist eine subjektive und
eine unvollständige obendrein. Wir sehen keine Funkwellen, aber es gibt sie und wir nutzen sie. Wir können uns nicht vorstellen, dass elektromagnetische Wellen in unserem Körper eine wichtige, eine lebenswichtige
Rolle spielen können, aber wir wissen, dass Bestrahlungen uns helfen. Wir stoßen uns schmerzhaft an einem Tischbein und können uns in unseren kühnsten Phantasien nicht vorstellen, dass dieses Tischbein aus nichts
anderem besteht als „aus schwirrenden Elementarteilchen plus Vakuum“ (GEO), aus elektromagnetischen Wellen und Nichts. Wir sind uns unseres Alltagswissens so sicher, dass wir uns Fremdes, Unerklärliches sofort
als Hokus-Pokus, als Scharlatanerie, als Trick oder Betrug brandmarken. Um uns Mohamed Khalifa – und auch anderen Medizinern, die sich physikalischen Methoden verschrieben haben – unvoreingenommen zu nähern, müssen
wir wissen, dass unsere Wirklichkeit nur ein Bild ist; jenes Bild, das uns am meisten nützt, und keine objektive Abbildung der Realität. Wir müssen deshalb auch zur Kenntnis nehmen, dass der Mond nicht da ist,
wenn keiner hinschaut. Ab wir dürfen auch weiterhin fest daran glauben, dass Physiker völlig seriöse Wissenschaftler sind.
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